Zum Holocaustgedenktag am 27. Januar 2019 in Wolmirstedt

Fast ein dreiviertel Jahrhundert ist vergangen, seit die Truppen der Alliierten des Zweiten Weltkriegs Europa von der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus befreiten. Wir gedenken der Opfer an jenem 27.Januar, an dem sowjetischen Truppen die Tore des Vernichtungslagers Auschwitz öffneten.

Wir alle wissen, welche ungeheurer Grausamkeiten und Verbrechen während der nationalsozialistischen Diktatur von Deutschen verübt worden sind.

Es geht aber beim Erinnern und Gedenken nicht nur um nüchterne Zahlen und Fakten.

Es geht darum, dass unsere jüdischen Nachbarn, ob in Deutschland oder irgendwo in Europa beheimatet, drangsaliert, gemartert, deportiert und getötet wurden, es geht darum, ihnen ihren Namen und ihre Identität zurückzugeben und Ihrer zu gedenken, vor allem, indem wir ihre persönlichen Schicksale erzählen.

Aus diesem Grund hat sich im November des vergangenen Jahres der Verein „Gestrandeter Zug“ gegründet, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, an ein fast vergessenes, verdrängtes Kapitel in unserer Region zu erinnern: An die Befreiung von mehr als  2200 namentlich bekannten, zumeist jüdischen Häftlingen, die sich in einem Räumungstransport aus dem KZ Bergen-Belsen befanden und nach einer mehrtägigen Irrfahrt am 13.April 1945 durch Aufklärungspanzer der  743. Infanteriedivision unter Leitung von Major Clarence Benjamin befreit wurden. Der Zug war bereits am Tag zuvor in Farsleben zum Stehen  gekommen und ein Großteil der SS-Wachmannschaften hatte bereits die Flucht vor den anrückenden alliierten Truppen ergriffen, aber in Sicherheit waren die Überlebenden erst mit der Ankunft der Amerikaner.

Die ursprünglich vermutlich mehr als 2500 KZ-Häftlinge stammten aus aller Herren Länder: Die Mehrzahl von ihnen waren Ungarn, aber auch viele Niederländer, Slowaken, Polen und fast 100 Griechen waren unter ihnen. Und sie einte eine Besonderheit: Sie waren Austauschhäftlinge. Dies waren jüdischen Häftlingen, die ausländische Pässe besaßen und von der SS im KZ Bergen-Belsen in einem besonderen Lager als Geiseln benutzt und zunächst von der Vernichtung ausgenommen waren. Sie sollten gegen internierte Deutsche im westlichen Ausland eingetauscht oder gegen Devisen „verkauft“ werden. Diese Austauschhäftlinge hatten im System der NS-Konzentrationslager zunächst noch etwas bessere Lebensbedingungen: Sie wurden als Familien mit ihren Kindern gemeinsam untergebracht, waren von der Arbeitspflicht ausgenommen, durften ihre eigene Kleidung behalten und einige persönliche Gegenstände, sie konnten Post und Pakete empfangen. Diese zunächst etwas günstigere Lebensbedingungen veränderten sich aber im letzten Kriegsjahr: Durch die Überbelegung im KZ Bergen-Belsen durch Räumungstransporte aus anderen Konzentrationslagern entwickelte sich das Konzentrationslager zu einem Auffang- und Sterbelager.

Die heutige Lesung ist die Auftaktveranstaltung einer Veranstaltungsreihe, in der an das Schicksal von Insassen des Zuges erinnert werden soll. Dabei gibt es eine enge Kooperation von Schülern der Projektgruppe „Gestrandeter Zug“ des Kurfürst-Joachim-Friedrich-Gymnasiums mit dem Museum des Landkreises Börde und des Vereins.

Die Schüler werden in einer weiteren Veranstaltung am 13.April 2019 in Farsleben über das Schicksal des Griechen Mimi Misrachi und seine Familie sprechen, im Mai werden wir Prof. Peter Lantos aus London und im August Prof. Micha Tomkiewicz aus New York als Zeitzeugen am Gymnasium begrüßen dürfen. Beide erlebten die Befreiung als Kinder mit ihren Müttern.

Und dies ist die 2. Besonderheit dieses Zuges: Unter den 2500 Häftlingen befanden sich mehr als 500 Kinder und junge Menschen. Und daher gibt es noch viele überlebende Zeitzeugen, die ein reges Interesse an einem Austausch haben. Der Amerikanische High-Schoollehrer Matthew Rozell hat sich seit dem Jahr 2001 sehr intensiv mit der Geschichte dieses Zuges und seiner Insassen beschäftigt; er hat in den USA mehrere Treffen von Überlebenden mit den amerikanischen Befreiern organisiert und auch in Israel hat ein solches Treffen bereits stattgefunden. International ist dieses Thema durch viele Selbstzeugnisse, Bücher, durch Malerei und Forschung gut aufgearbeitet und bekannt, nur hier, in unserer Region und deutschlandweit, ist das Thema nahezu vergessen und breiten Öffentlichkeit unbekannt.

Die Ziele des Vereins sind es daher, bis zum 75. Jahrestag 2020 ein Mahnmal an den Bahngleisen von Farsleben zu errichten. Bis zu diesem Jahrestag sollen ebenfalls eine Museumsausstellung, eine Broschüre oder Buch und ein System von Informationstafel in Farsleben und Hillersleben verwirklicht werden.

Das sind große, ambitionierte Ziele, die in einem sehr kurzem Zeitrahmen umgesetzt werden sollen.

Aber ich denke, dass wir das den Überlebenden und ihren Angehörigen schuldig sind. Und ich sehe, dass sich viele Menschen in kurzer Zeit für das Thema interessiert haben und sich engagieren, und so hoffe ich, dass wir die Ziele umsetzen können. Aber natürlich brauchen wir auch weiterhin Unterstützung. Das Mahnmal werden wir vermutlich ausschließlich durch Spendengelder finanzieren können.

Denn wir sollten nicht vergessen: Die Verbrechen der Nationalsozialisten passierten nicht hunderte Kilometer entfernt: Nein, hier, vor unserer Haustür, waren sie am 13. April 1945 deutlich sichtbar. Frau Miesch, eine 92 Jahre alte Dame, die wir in diesem Zusammenhang als Zeitzeugin befragt haben und die die Ereignisse als 19jährige in Farsleben miterlebt hatte, sagte uns, immer noch emotional sehr bewegt, dass sie die Bilder in ihrem Leben nicht mehr loswerde. „Ich war jung, ich war sprachlos, wie so etwas überhaupt geschehen konnte. Ich habe mich geschämt“.

Karin Petersen

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